Die Gegner

Bereits nach der ersten Veröffentlichung von Vorschlägen im Jahre 1988 gab es eine sehr heftige Reaktion in der Öffentlichkeit. Richtig formiert haben sich die Ggener allerdings erst im Herbst 1996, also einige Monate nach der Unterzeichnung derWiener Absichtserklärung. Es gibt zwei Gruppen von Gegnern der Neuregelung: die, welchen die Veränderungen zu weit gehen, und die, denen sie zu wenig weit gehen. Das ganze juridische Getöse in Deutschland hatte allerdings mit den Inhalten der Neuregelung wenig zu tun; es ging dabei vielmehr darum, eine als von oben aufoktroyiert empfundene Reform zu stoppen ohne Ansehen ihrer Qualität.

Zu einigen Argumenten der Gegner der Neuregelung

Von all den Einwänden, die gegen die Neuregelung vorgebracht worden sind, hier nur einige wenige.

Die Gegner der neuen Rechtschreibung behaupten unter anderem:

1. Sie sei unnötig und kostspielig.
Viele Schreibungen des Deutschen heute lassen sich nicht mehr rational begründen und sind schwer zu erlernen. Warum in bezug auf, aber  mit Bezug auf; radfahren, aber  Ski fahren; kopfstehen, aber Schlange stehen? Warum fein mahlen, aber feingemahlen? usw. Warum s-t nicht trennen, s-p und s-k dagegen trennen? Solche und ähnliche Ungereimtheiten wollte die Neuregelung ausräumen und das ist ihr auch zu einem guten Teil gelungen. Vier Millionen Analphabeten in Deutschland sollten Grund genug dafür sein das Schreiben zu erleichtern!
Die Ziffern zu den Kosten der Neuregelung hatten in den meisten Fällen eine 0 zu viel dran. Teuer würde es erst, wenn die Neuregelung rückgängig gemacht werden sollte, wie die Gegner es verlangen.

2. Die Neuerungen veränderten die Schreibung so stark, dass man die alten Texte nicht mehr lesen könne.
Überzeugen Sie sich an diesem Text, der sich an die neue Schreibung hält. Haben Sie Mühe ihn zu lesen? Ohne die s-Schreibung sind es nur ca.  0,05% der Wörter, die von Veränderungen betroffen sind. Außerdem kann man alte Texte in Neuausgaben in der Schreibung angleichen, wie das in der Vergangenheit auch schon geschehen ist. Niemand von uns liest heute Goethe oder Hölderlin im Original; ja nicht einmal Fontane oder Keller. In jeder neuen Ausgabe wurde die Schreibung an die der eigenen Zeit angepasst.

3. Die Neuregelung bringe eine Reihe von wissenschaftlich nicht haltbaren Schreibungen.
Dieser Eindruck ist entstanden, weil die Kommission sich in manchen Fällen aus didaktischen Gründen für jetzt gängige, z. T. der Volksetymologie entsprungene, Schreibungen entschieden hat. Es mag auch einzelne fragwürdige Entscheidungen geben. Aber die Gegner sollten nicht verschweigen, dass die Neuregelung Hunderte von schwer erlernbaren und logisch nicht begründbaren Schreibungen beseitigt und Dutzende obsoleter Regeln abgeschafft, die Materie logischer und das Rechtschreiben insgesamt leichter gemacht hat.

Einige Argumente für die Neuregelung

So wie die obigen lassen sich auch die übrigen Argumente der Gegner meist leicht entkräften. Aber da die Gegnerschaft so hartnäckig ist, muss doch noch einiges zu den Vorzügen der Neuregelung und besonders zu einzelnen Details gesagt werden.
Die Neuregelung hat die Schreibung des Deutschen systematischer und dadurch leichter erlernbar gemacht. Das ist durch die Ausmerzung vieler Einzelfestlegungen, Sonderregeln und offener Listen gelungen. Es gab bisher Regeln, die kaum ein professioneller Schreiber beherrscht hat. Das wissen auch jene, welche die alten Schreibungen mit Zähnen und Krallen verteidigen. Hier einige Beispiele für Erleichterungen, die vor allem Schülerinnen und Schülern zugute kommen:
Die neue ss-Schreibung ist logisch an die Schreibung der Doppelkonsonanz nach Kurzvokal angepasst.
Das für die Schreibung des Deutschen so charakteristische ›ß‹ steht nur mehr nach langem Vokal an jenen Stellen, wo unter allen Umständen ein stimmloses [s] zu sprechen ist.
Die Schreibung der Konsonanten folgt dort, wo drei gleiche zusammenstoßen, ebenfalls der Logik der Stammschreibung. Warum sollte man – wie bisher vorgeschrieben – bei "Schiffahrt" ein "f" unterschlagen, bei "Schifffracht" alle drei schreiben?
Logischer ist auch die Groß- und Klein- und die Getrennt- und Zusammenschreibung geworden: warum denn "radfahren", aber "Auto fahren", "sitzen bleiben" und "sitzenbleiben", "in bezug auf", aber "mit Bezug auf"?
Eine Untersuchung in den österreichischen Schulen hat ergeben, dass nach einem "Probejahr" der größte Teil der Lehrer/innen mit der Neuregelung sehr zufrieden sind und dass die Rechtschreibfehler in Schülertexten erheblich zurückgegangen sind.


Franz Lanthaler


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